1. Home
  2. Über diese Seite
  3. Sitemap
  4. Kontakt
  5. Bestellung von Materialien
  6. Impressum
  7. Datenschutzerklärung
  8. Literatur und Links

Drucken

Zahlen/Daten/Fakten zu Alkohol am Arbeitsplatz

Die Auswirkungen von Alkoholkonsum auf die Arbeitswelt – Hintergrundinformationen aus Forschung und Wissenschaft


Alkohol verursacht in Deutschland in allen Lebensbereichen weitaus größere Probleme als alle anderen Suchtmittel – auch in der Arbeitswelt. Hintergrund ist die hohe gesellschaftliche Akzeptanz und Verbreitung von Alkoholkonsum und die außerordentlich leichte Verfügbarkeit dieses Suchtmittels. Erst im Falle von Missbrauch und Abhängigkeit wird Alkoholkonsum als soziales und gesundheitliches Problem wahrgenommen. Die Ausmaße der Belastungen und Schäden in der Arbeitswelt sind nur schwer zu messen und bislang in Deutschland wenig erforscht. Nichtsdestotrotz zeigt die Sammlung von Daten, Zahlen und Fakten eine Vielfältigkeit und Schwere der Belastungen und Schäden auf, die nicht erst bei klinischen Alkoholfolgen auftreten, sondern bereits durch riskanten Konsum in der Arbeitswelt verursacht werden. Es liegen kaum belastbare Daten über die Ausmaße des Konsums anderer Suchtmittel oder des Medikamentenmissbrauchs in der Arbeitswelt sowie in diesem Zusammenhang entstehende Schäden vor. Unabhängig vom Ausmaß ist jedoch auch hier davon auszugehen, dass Risiken, Gefährdungen und Folgen für Betriebsablauf, -klima und die Produktivität ebenso vielfältig sind.

Zahlen und Fakten

- 15,2 % (8 Mio.) haben einen riskanten Alkoholkonsum;

- 3,1 % (1,61 Mio.) der Menschen in Deutschland zwischen 18 und 64 Jahren weisen einen miss­bräuchlichen Alkoholkonsum auf. 3,4 % (1,77 Mio.) sind Alkoholabhängig;

- Menschen, die regelmäßig mehr als 120 g (bei Män­nern) / 60 g (bei Frauen) Reinalkohol* pro Woche zu sich nehmen haben im Alter von 40 Jahren bereits eine um 1,5 Jahre geringere Lebenserwartung;

-Frauen mit hohem sozioökonomischem Status trinken anteilig häufiger in riskantem Maß als Frauen aus mittleren oder niedrigen Statusgruppen. Bei Männern gibt es keine vergleichbaren Unterschiede im Trinkverhalten.

IFT München: Epidemiologischer Suchtsurvey 2015
RKI: DEGS1 (2008-­2011)
Wood et al. (2018): Risk thresholds for alcohol consumption: combined analysis of individual­participant data for 599 912 current drinkers in 83 prospective studies
Pabst et al. (2013): Substanzkonsum und substanzbezogene Störungen in Deutschland im Jahr 2012.


* Vgl.: Eine 0,3 l Flasche Bier, 4,8 Vol.­ %, entspricht 12,7 g Reinalkohol. Ein Glas Wein (100ml), 11,0 Vol.­ %, entspricht 8,8 g Reinalkohol.
 




Alkoholabhängige und problematisch Konsumierende in Arbeit

Zu den wichtigsten Fragen hinsichtlich der Auswirkungen von Alkohol am Arbeitsplatz zählt, wie viele Arbeitnehmer von einer Alkoholproblematik betroffen sind und welche Einschränkungen sie und die Unternehmen dadurch erfahren. Neben dem Anteil von Abhängigkeitserkrankten und gefährdeten Personen zählen Daten über Fehlzeiten und Unfällen zu den Erkenntnissen über die Einschränkungen.

Alkoholabhängige und problematisch Konsumierende in Arbeit

- etwa 5% der Arbeitnehmer sind Alkoholabhängig; bei Führungskräften bis zu 10%;

- bis zu 10% der Arbeitnehmer sind problematisch Konsumierende;

- problematisch Konsumierende fehlen 16mal häufiger;

- problematisch Konsumierende fehlen 2,5mal häufiger acht und mehr Tage;
 
- problematisch Konsumierende erleiden 3,5mal häufiger Arbeitsunfälle;
 
- problematisch Konsumierende nehmen 5mal häufiger Krankenversicherungsleistungen in Anspruch;

- problematisch Konsumierende sind 3mal häufiger arbeitsunfähig gemeldet („Krankgeschrieben“);

- Bei problematisch Konsumierende tritt ein etwa 25%iger Verlust der Arbeitsleistung ein.

Stanford Research Institute (1975) Occupational Alcoholism Programs in U.S. Companies.

In der Studie des Stanford Forschungsinstituts (siehe Kasten) wurden alkoholbedingte Einschränkungen für Alkoholabhängige und für „problematisch Konsumierende“ (im Original „problem drinkers“) untersucht. Mit diesem Begriff wurden in der Studie Personen bezeichnet, bei denen die Arbeitsleistung durch Alkoholkonsum negativ beeinflusst wurde, unabhängig davon, ob eine klinische Diagnose vorlag. 10% der Arbeitnehmer gelten als problematisch Konsumierende. Enthalten darin sind diejenigen 5%, bei denen eine Abhängigkeitserkrankung festgestellt wurde.

Die Ergebnisse der Studie des Stanford Research Instituts erlangte große Bekanntheit in Deutschland. Obwohl schon 40 Jahre zurückliegend werden die Ergebnisse auch heute noch häufig zitiert. Von Experten und Praktikern werden sie immer wieder bestätigt und gelten daher noch nicht als veraltet. William Livingston erhob für die Studie in den USA Daten in 20 Unternehmen.

Zurück zum Inhaltsverzeichnis


Gesamtkonsum und krankheitsbedingte Fehlzeiten

Das gesamtgesellschaftliche Konsumniveau steht in direktem Zusammenhang mit krankheitsbedingter Arbeitsunfähigkeit. Durch umfassende Auswertungen bevölkerungsbezogener Daten in Skandinavien wurde nachgewiesen, dass dieser Zusammenhang statistisch signifikant ist.

Zusammenhang von Gesamtkonsum und krankheitsbedingten Fehlzeiten

- Ein Anstieg des Pro-Kopf-Konsums in der Bevölkerung um einen Liter Reinalkohol ist mit einem Anstieg von 13% krankheitsbedingter Fehlzeiten verbunden. Zu diesem Ergebnis kommt eine schwedische Studie.

- Diese Studie wurde in Norwegen wiederholt. Die Ergebnisse beider Untersuchungen sind nahezu identisch. und in beiden Studien statistisch signifikant für Männer (p<0,05), nicht aber für Frauen.

Norström (2006): Per capita alcohol consumption and sickness absence; Norström & Moan (2009): Per capita alcohol consumption and sickness absence in Norway.

Thor Norström führte in Schweden (in 2006) und in Norwegen (in 2009, gemeinsam mit Inger S. Moan) entsprechende Untersuchungen zum Zusammenhang von gesamtgesellschaftlichem Konsumniveau und krankheitsbedingter Arbeitsunfähigkeit durch. Für beide Studien konnten anhand der Daten von Krankenkassen die Arbeitsausfälle erfasst und mit repräsentativen Befragungen der erwerbstätigen Bevölkerung abgeglichen werden. Der gesamtgesellschaftliche Konsum ließ sich anhand der Verkaufszahlen von Alkohol errechnen. Da Norström Daten von sehr großen Zeiträumen vorlagen (1935 bis 2002 für Schweden; 1957 bis 2001 für Norwegen), wurden Kontrollvariablen für die wirtschaftlichen Veränderungen (z.B. Arbeitslosenquote, Reallöhne) berücksichtigt. Das auffallend ähnliche Ergebnis beider Studien zeigt, dass ein Zusammenhang des gesamtgesellschaftlichen Alkoholkonsums mit einer Veränderung krankheitsbedingter Arbeitsausfälle besteht und dieser Zusammenhang für Männer statistisch signifikant ist.

Zurück zum Inhaltsverzeichnis


Absentismus und Fehlzeiten

Absentismus bezeichnet in Arbeitszusammenhängen die Abwesenheit vom Arbeitsplatz aufgrund motivationaler Ursachen oder gar auf planmäßigem Fernbleiben von der Arbeit. Die Unterscheidung zum Krankenstand ist unter Umständen schwer zu treffen. Zur Erfassung des Krankenstandes sind gemeldete Arbeitsunfähigkeitstage erforderlich.

Um die Ausmaße von alkoholbedingten Fehlzeiten erfassen zu können, reicht die Analyse des Krankenstandes allein nicht aus. In Untersuchungen werden weitere Daten ergänzend erhoben, die nähere Informationen über Konsumverhalten und Fehlzeiten erfassen.

Fehlzeiten / Fehlzeitverläufe und Alkoholprobleme

Ergebnisse von Kleinsorge & Thiess:

- Alkoholabhängige fehlten über einen Zeitraum von drei Jahren durchschnittlich an 189 Tagen.

-Die Personen einer Kontrollgruppe fehlten an 95 Tagen im gleichen Zeitraum.

- Die höchste Zahl der Alkoholabhängigen fand sich in der Altersgruppe der 40- bis 50-Jährigen.

- 22,6% der Alkoholabhängigen wurden vorzeitig pensioniert oder sind durch Entlassung aus dem Unternehmen ausgeschieden.

Kleinsorge & Thiess (1979): Risikofaktor „Alkohol“


Ergebnisse von Petschler & Fuchs:

- Fehlzeiten von Mitarbeitern mit Alkoholproblemen lagen durchgängig über den Fehlzeiten der Kontrollgruppe.

- Im Jahr 1991 waren die Fehlzeiten um das 5-fache höher als bei der Kontrollgruppe.

- Nach einer Entwöhnungsbehandlung verbesserten sich Fehlzeiten von ehemaligen Alkoholabhängigen um mehr als 50%.

Petschler & Fuchs (2000): Betriebswirtschaftliche Kosten­ und Nutzenaspekte innerbetrieblicher Alkoholprobleme

Um die Ausmaße von alkoholbedingten Fehlzeiten erfassen zu können, reicht die Analyse des Krankenstandes allein nicht aus. In Untersuchungen werden weitere Daten, z.B. aus anonymen Befragungen ergänzend erhoben, die nähere Informationen über Konsumverhalten und Fehlzeiten erfassen. Ergebnisse solcher Studien zeigen ein hohes Maß der Belastung von Alkoholabhängigen. Die Fehlzeiten von Betroffenen liegen durchgängig deutlich höher als die von Nicht-Betroffenen. Es zeigt sich auch, dass eine Behandlung eine positive Veränderung bewirkt und die Fehlzeiten anschließend zurückgehen (siehe Kasten).

 

Zurück zum Inhaltsverzeichnis


Präsentismus

Mit Präsentismus wird das Verhalten von Arbeitnehmern bezeichnet, trotz Krankheit oder gesundheitlicher Einschränkung (auch Alkoholeinfluss oder Nachwirkungen) am Arbeitsplatz anwesend zu sein. In diesem Zustand kann nur eine verminderte Arbeitsleistung erbracht werden. In diesem Zustand kann nur eine verminderte Arbeitsleistung erbracht werden. Das Verhalten, trotz eindeutiger Symptome (z.B. Kopf­ oder Rückenschmerzen; Erkältungssympto­me) dennoch zur Arbeit zu gehen, ist in Deutschland sehr verbreitet. Eine bundesweite, repräsentative Um­frage in 2009 zu Präsentismus ergab, dass 71,2 % der Befragten angaben, im vergangenen Jahr mindestens einmal krank zur Arbeit gegangen zu sein.

WIdO Befragung 2009. In: Zok (2010): Gesundheitliche Beschwerden und Belastungen am Arbeitsplatz. Ergebnisse aus Beschäftigten­befragungen.

Präsentismus führt zu verminderter Arbeitsleistung
durch:

- verminderte Leistungsfähigkeit
- verminderte Konzentrationsfähigkeit und Aufmerksamkeit
- häufigere Fehler, Nicht-Einhaltung von Qualitätsstandards
- erhöhte Unfallgefahr
- Gefahr der Verschleppung und Chronifizierung von Krankheiten

 

Zurück zum Inhaltsverzeichnis


Der Einfluss von Trinkmustern auf alkoholbedingte Fehlzeiten

Riskante Trinkmuster stehen in einem direkten Zusam­menhang mit Fehlzeiten. Es besteht sowohl ein Zusam­menhang für solche Trinkmuster, bei denen große Mengen Alkohol bei einer Trinkgelegenheit konsumiert werden (kurzfristig riskante Trinkmuster), als auch für den regel­mäßigen Konsum von Alkoholmengen, bei denen gesund­heitliche Folgen erst später auftreten können (langfristig riskante Trinkmuster). Für einmal jährlich hoch riskant Konsumierende (mehr als 120 g bei Männern bzw. 60 g bei Frauen reinen Alkohols an einem Tag) ist die Wahrschein­lichkeit für alkoholbedingte Fehlzeiten um das 3,1­fache erhöht, verglichen mit wenig riskant Konsumierenden. Bei einmal monatlich hoch riskantem Konsum erhöht sich die Wahrscheinlichkeit um das 8,7­fache und bei einmal wöchentlich hoch riskantem Konsum um das 21,9­fache. Für Personen mit langfristig riskanten Konsummustern liegt die Wahrscheinlichkeit für alkoholbedingte Fehlzeiten um das 4,3­fache höher als bei wenig riskant Konsumie­renden. Bei hochriskant Konsumierenden liegt sie sogar um das 7,3­fache höher. In der Studie definierte Grenz­werte riskanten Konsums für Männer bzw. Frauen von 290g ­ 420g bzw. 150g ­ 280g reinen Alkohols pro Woche. Der Konsum noch höherer Durchschnittsmengen ist als hoch riskanter Konsum bezeichnet.

Roche et al. (2008): Workers‘ drinking patterns: the impact on absenteeism in the Australian workplace.

Zusammenhangmasse (Odds Ratio) für kurzfristig und langfristig riskante Trinkmuster

Alkoholeinfluss bei der Arbeit

In der Praxis ist es schwierig, die Folgen von Präsentis­mus zu erfassen, d.h. eine Minderung der Arbeitsleis­tung objektiv zu messen und diese ursächlich auf eine eingeschränkte Gesundheitssituation zurückführen zu können. Jedoch gibt es für bestimmte Zusammenhänge auch belastbare Indikatoren, dass die Arbeitsfähigkeit herabgesetzt wurde, z.B. wenn die Auswirkungen eines Alkoholrausches eindeutig die Ursache eines Arbeits­unfalles sind.

Unter Alkoholeinfluss bei der Arbeit versteht man nicht nur den tatsächlichen Alkoholkonsum während der Arbeitszeit. Hierzu zählen alle Auswirkungen von Alko­holkonsum, die in die Arbeitszeit hineinwirken. Also z.B. Alkoholkonsum vor Beginn der Arbeitszeit oder die Auswirkungen eines „Katers“.

Alkoholeinfluss bei der Arbeit

- Alkoholeinfluss beeinträchtigt die Arbeitsleistung.

- Es besteht ein nahezu linearer Zusammenhang zwischen Alkoholeinfluss und Minderung der Arbeitsleistung.

- Die Unfallgefahr wird erhöht.


Wege- und Arbeitsunfälle

- Bei 20% bis 25% aller Arbeitsunfälle sind Personen unter Alkoholeinfluss involviert (Arbeitsunfälle, die zu einer Verletzung des Konsumenten selbst oder von Dritten führen).

BARMER GEK (2010): Gesundheitsreport 2010. Teil 2 – Ergebnisse der Internetstudie zur Gesundheitskompetenz; Mangoine et al. (1999): Employee drinking practices and work performance; WHO (2004): Global Status Report on Alcohol 2004; Leggat & Smith (2009): Alcohol­related absenteeism. Adams & Effertz (2010): Volkswirt­schaftliche Kosten des Alkohol­ und Tabakkonsums.

 

Zurück zum Inhaltsverzeichnis


Auswirkungen auf Dritte in Unternehmen

Alkoholkonsum am Arbeitsplatz gefährdet nicht nur trinkende Personen selbst. Unter Alkoholeinfluss stehende Personen haben ein erhöhtes Risiko, einen Unfall zu verursachen und sich und/oder andere dabei zu verletzen. Neben der Verletzungsgefahr durch Unfälle kommen auf Dritte auch Mehrbelastungen zu.

 

Neben der Verletzungsgefahr durch Unfälle kommen auf Dritte auch Mehrbelastungen zu. Sie müssen Ausfälle von Personen mit Alkoholproblemen kompensieren und mit zusätzlichen Überstunden die fehlende Arbeitskraft ausgleichen. Aus Sicht Dritter führen Qualitätsverluste von Konsumierenden im Arbeitsablauf auch zu eigenen Fehlern. Um Qualitätsverluste und Fehler auszuglei­chen, müssen zusätzliche Anstrengungen und Mehr­arbeit geleistet werden.Erhöhtes Unfallrisiko und Mehrbelastung führen somit auch zu Produktivitätsverlusten Dritter.

Auswirkungen auf Dritte in Unternehmen

Mehrbelastung bzw. erhöhte Risiken durch

- die erhöhte Gefahr, bei einen alkoholbezogenen Arbeitsunfall eines Konsumierenden verletzt zu werden;

- Ausfälle eines Konsumierenden, die durch Mehrarbeit zu kompensieren sind;

- Qualitätsverlust eigener Arbeit als Folge eines Qualitätsverlustes durch einen Konsumierenden.


Produktivitätsverluste

- Der Aufwand für Mehrarbeit entspricht den Produktivitätsverlusten durch Abwesenheit des Trinkers selbst;

- Ausfälle Dritter verursachen entsprechend gleich hohe Produktivitätsverluste wie die Ausfälle des verursachenden Trinkers;

- insgesamt verdoppeln Produktivitätsverluste Dritter die Kosten der Produktivitätsverluste durch Konsumenten selbst.

Laslett et al. (2010): The Range and Magnitude of Alcohol’s Harm to Others.

 

Zurück zum Inhaltsverzeichnis


Berufsgruppen mit erhöhtem Risiko

Einige Berufsgruppen scheinen ein höheres Risiko zu haben, durch Alkohol am Arbeitsplatz Einschränkungen und Schäden zu erfahren.

Begründungszusammenhänge sind noch nicht ausrei­chend untersucht, einige Hinweise finden sich dennoch in den Studien. Leichte Verfügbarkeit, lange Abwesen­heiten vom Lebensmittelpunkt (z.B. Familie) und wenig kontrollierte Arbeitsplätze können Faktoren für erhöhte Risiken sein. Auch arbeitsbedingter Stress, der für verschiedene psychische Leiden zunehmend als mögli­che Ursache gilt, könnte ein Faktor für Berufsgruppen mit erhöhten Risiken sein.Studienergebnisse zu dieser Thematik können beein­flusst sein durch landesspezifische arbeitsschutzrecht­liche Bestimmungen, Charakteristika der Berufsbilder wie durch die Konsumkulturen in den Branchen.

Hinweise auf Berufsgruppen mit erhöhtem Risiko

Erhöhte Risiken zeigen
- Mitarbeiter im Gastronomiegewerbe (Wirte, Bedienungs- und sonstiges Personal);
- Mitarbeiter des Seefahrtgewerbes und Hafenpersonal;
- Mitarbeiter im Dienstleistungsgewerbe.

Risiken unterhalb des Durchschnitts zeigen
- Mitarbeiter im Transportwesen;
- Landwirte;
- Genderspezifisch bei weiblichem Personal: pädagogisches Personal und Krankenschwestern.

→ Da Begründungszusammenhänge noch nicht ausreichend geklärt sind, ist weitere Forschung erforderlich.

Laslett et al. (2010): The Range and Magnitude of Alcohol’s Harm to Others; Romeri et al. (2007): Alcohol­related deaths by occupation; BARMER GEK (2012): Gesundheitsreport 2012

 

Zurück zum Inhaltsverzeichnis


Alkoholkonsum & Berufsausbildung

Studien zufolge trinkt jeder vierte 16 bis 17-­jährige regelmäßig mindestens ein Mal die Woche – 10 % sogar in einem Umfang, der bereits für Erwachsene als ge­sundheitsschädlich gilt. Die Gruppe der Auszubildenden neigt verhältnismäßig zu deutlich problematischeren bzw. riskanteren Konsummustern als andere ihrer Altersgruppe. Laut einer Studie von Morgenstern et al. (2017) waren Auszubildende, die in den letzten 30 Tagen Tabak, Cannabis oder Medikamente zu sich nahmen oder einen problematischen Alkoholkonsum aufwiesen insgesamt weniger zufrieden mit ihrer Ausbildung. Hauptrisikofaktoren für Unzufriedenheit in der Ausbil­dung sind Überforderung / Unterforderung, wenig Wertschätzung, soziale Isolation, Leistungsdruck, Mobbing sowie Mangel an Regeln und Grenzen. Ein angenehmes Betriebsklima, Anerkennung, soziale Kontakte, Erfolgserlebnisse und ein Verantwortungsvol­ler Umgang mit Suchtmitteln im betrieblichen Kontext wirken als Schutzfaktoren.

Alkoholkonsum und Berufsausbildung

-Die Ausbildungszufriedenheit im ersten Lehrjahr korreliert unmittelbar negativ mit dem Substanz­konsum

-Auszubildende mit einem problematischen Alkohol­konsum
     → erbringen durchschnittlich schlechtere Leistungen in der Schule
     → erleben häufiger Konflikte in der Ausbildung
     → erhalten öfter Abmahnungen und
     → beenden ihre Ausbildung häufiger vorzeitig und ohne Abschluss

- Auch in der Berufsausbildung gelten Alkohol­probleme als häufigster Grund für Fehlzeiten, Leistungseinbußen und Arbeitsunfälle.

IFT­Nord (2015): Alkohol und Drogen als Risikofaktoren für einen erfolgreichen Ausbildungsabschluss.; Morgenstern et al. (2017): Konsum psychotroper Substanzen und Ausbildungszufriedenheit; Orth (2016): DAS 2015. Rauchen, Alkoholkonsum und Konsum illegaler Drogen: aktuelle Verbreitung und Trends.

 

Zurück zum Inhaltsverzeichnis


Arbeitsplatz und Arbeitsplatzbedingungen

Menschen entwickeln individuelle Strategien für den Umgang mit belastenden Arbeitsbedingungen.Unter Berücksichtigung von Stressmodellen kann insbesondere ein Missverhältnis von Verausgabung und Belohnung eine sogenannte „Gratifikationskrise“ aus­lösen.Um diese Krise zu bewältigen, neigen einige Betroffene zu riskanten Verhaltensweisen. Diese können sich auch in erhöhtem Alkoholkonsum äußern.

Zusammenhang von Arbeitsplatzbedingungen und riskantem Alkoholkonsum

- Ein Ungleichgewicht von Verausgabung (Anforderungen, Verpflichtungen) und Belohnung (Einkommen, Anerkennung und Status) steht mit riskantem Alkoholkonsum in Zusammenhang.

- Ein Ungleichgewicht von Verausgabung und Belohnung steht mit einer höheren Wahrscheinlichkeit für eine Alkoholabhängigkeit in Zusammenhang.

Puls et al. (1998) Die Einwirkung von Gratifikationskrisen am Arbeits­platz auf den Konsum von Alkohol; Head et al. (2004): The psycho­social work environment and alcohol dependence.

Inwiefern nachteilige Arbeitsplatzbedingungen in Zusammenhang mit riskantem Alkoholkonsum stehen wurde bereits in den 1970er, 1980er und 1990er Jahren untersucht. Bei diesen Studien wurde vor allem gefragt, inwiefern Arbeitsbedingungen wie Schichtarbeit, geringe Verantwortung und Arbeitsplatzunsicherheit in Zusammenhang mit Alkoholabhängigkeit stehen. Dabei wurde jedoch häufig nicht berücksichtigt, dass Menschen individuelle Strategien mit dem Umgang von belastenden Arbeitsbedingungen entwickeln. Nur selten basierten diese Studien auf theoretischen Bezugsrahmen, die Entstehung und Kompensation von Stress berücksichtigen.

Ein Ansatz, arbeitsbedingten Stress im Zusammenhang mit Alkoholkonsum zu erfassen, findet sich bei dem Gratifikationskrisenmodell nach Siegrist (1990). Demnach wird Arbeitsstress durch ein Missverhältnis von Verausgabung (Anforderungen, Verpflichtungen) und Belohnung (Einkommen, Anerkennung und Status) ausgelöst. Folgen eines solchen Ungleichgewichtes („Gratifikationskrise“) können riskante Verhaltensweisen sein. Studien, die auf diesem Modell aufbauen, wurden später z.B. in Deutschland und England durchgeführt. Puls et al. (1998) fanden in einer anonymen Befragung in Betrieben der metallverarbeitenden Industrie einen Zusammenhang von einem Ungleichgewicht von Verausgabung und Belohnung und hohem Alkoholkonsum. In einer Kohortenstudie mit Behördenmitarbeitern fanden Head et al. (2004) einen Zusammenhang von einem Verausgabungs-Belohnungs-Ungleichgewicht mit Alkoholabhängigkeit. Je höher der Arbeitseinsatz bei unverhältnismäßig geringer Belohnung desto höher die Wahrscheinlichkeit einer Alkoholabhängigkeit. 

Zurück zum Inhaltsverzeichnis


Soziale und wirtschaftliche Kosten

Für die Gesellschaft fallen hohe alkoholbedingte Kosten an. Direkte Kosten entstehen größtenteils im Gesund­heitswesen, indirekte Kosten in der Wirtschaft. Die gesamten Kosten werden in wirtschaftswissenschaft­lichen Kostenschätzungen erfasst. Die methodische Vorgehensweise von Kostenschätzungen erfolgt nach wissenschaftlichen Standards der Wirtschafts­ und Gesundheitswissenschaften. Fundierte Ansätze der Kostenschätzung gewährleisten, dass die tatsächlichen Kosten so exakt wie möglich abgebildet werden können. Neben den direkten und indirekten Kosten werden auch sogenannte intangible Kosten durch Alkoholkonsum verursacht. Es handelt sich dabei um die Belastungen, die durch Leid, Schmerz und verminderte Lebensquali­tät entstehen. Auch sie werden in einigen Ansätzen den sozialen Kosten zugerechnet. Da es bei der Methodik ihrer Berechnung bislang keine einheitlichen Standards gibt, werden intangible Kosten in den Kostenschätzun­gen zumeist nicht berücksichtigt.

Soziale Kosten

Direkte Kosten: Behandlung, Arzneimittel, Gesundheitsdienstleistungen; aber auch durch Sachbeschädigungen, Verkehrsunfälle, Gerichtsverhandlungen

Indirekte Kosten: Produktivitätsverluste (z.B. durch Arbeitsausfälle, Frühberentung, Qualitätsverluste)

Intangible Kosten (werden in den Kostenschätzungen nicht beziffert): Verminderte Lebensqualität, Schmerzen, Leid

Soziale Kosten in Europa

- Indirekte Kosten durch verminderte Produktivität sind der dominierende Faktor bei der Zusammensetzung der sozialen Kosten;

- Direkte und indirekte Kosten summieren sich auf 125 Mrd. Euro jährlich;

- Davon entfallen 59 Mrd. Euro auf Produktivitätsverluste.

Anderson & Baumberg (2006): Alcohol in Europe.

Um die gesamtgesellschaftlichen Kosten, auch soziale Kosten genannt, zu berechnen, werden die indirekten und direkten Kosten der betroffenen gesellschaftlichen Bereiche berücksichtigt. Im Gesundheitswesen fallen Behandlungskosten an, durch Polizeieinsätze und Gerichtsverfahren entstehen Kosten im Justizwesen und der Wirtschaft entstehen sowohl auf einzelbetrieblicher wie auch auf volkwirtschaftlicher Ebene Kosten durch Unfälle und Produktivitätsverluste.

Die methodische Vorgehensweise von Kostenschätzungen erfolgt nach wissenschaftlichen Standards der Wirtschafts- und Gesundheitswissenschaften. Fundierte Ansätze der Kostenschätzung gewährleisten, dass die tatsächlichen Kosten so exakt wie möglich abgebildet werden können.

Neben den direkten und indirekten Kosten werden auch sogenannte intangible Kosten durch Alkoholkonsum verursacht. Es handelt sich dabei um die Belastungen, die durch Leid, Schmerz und verminderte Lebensqualität entstehen. Auch sie werden in einigen Ansätzen den sozialen Kosten zugerechnet. Da es bei der Methodik ihrer Berechnung bislang keine einheitlichen Standards gibt, werden intangible Kosten in den Kostenschätzungen zumeist nicht berücksichtigt.

Anderson und Baumberg (2006) analysierten für ihren Bericht „Alcohol in Europe“ 21 europäische Studien zu alkoholbedingten Kosten, die methodologischen Standards entsprechen. Einheitlich kommen Untersuchungen zu dem Ergebnis, dass Produktivitätsverluste den größten einzelnen Kostenfaktor darstellen. Die größte Kostenlast durch Alkoholkonsum fällt also auf den gesellschaftlichen Bereich der Arbeitswelt. In der EU summieren sich die tangiblen (direkten und indirekten) Kosten auf insgesamt 125 Mrd. Euro jährlich. Auf die Kosten für Produktivitätsverluste entfallen 47% davon, also 59 Mrd. Euro.

Zurück zum Inhaltsverzeichnis


Soziale Kosten in Deutschland

Die direkten sozialen Kosten von Alkohol entstehen auch in Deutschland größtenteils im Gesundheitswesen (Behandlungen, Arzneimittel, Gesundheitsdienstleistun­gen). Die Arbeitswelt ist von einem vergleichsweise kleinen Anteil direkter Kosten betroffen. Ein wesentlich größerer Verlustbetrag entsteht der Volkswirtschaft durch Produktivitätsverluste. Werden alle Faktoren berücksichtigt, die bei der Krankheitskos­tenrechnung üblicherweise herangezogen werden, so verursacht Alkohol jährlich Produktivitätsverluste in Höhe von 30,15 Mrd. Euro.

Die Ermittlung der direkten und indirekten Kosten wird als „cost-of-illness-Methode“ bezeichnet und stellt den Standard der Krankheitskostenrechnung dar (Bergmann & Horch 2002). Bei der Bezifferung indirekter Kosten, bedienen sich Studien in Deutschland dem Konzept des Humankapitalansatzes. Man geht davon aus, dass Krankheit oder vorzeitiger Tod verhindern, dass die betroffene Person ansonsten (sprich: bei Gesundheit) Güter herstellt bzw. Dienstleistungen erbringt. Es wird unterstellt, dass der krankheitsbedingte Verlust eines Lebensjahres Kosten in Höhe des von der betroffenen Person ansonsten am Markt erzielbaren Jahresbruttoeinkommens verursacht (vgl. Hannover‘sche Konsens Gruppe 2007; Adams & Effertz 2011). 

Soziale Kosten durch Alkoholkonsum in Deutschland
mit Fokus auf die Arbeitswelt:

- Insgesamt entstehen in Deutschland jährlich 39,3 Mrd. Euro alkoholbezogene Kosten;

- Davon entfallen 9,15 Mrd. Euro auf direkte Kosten (Behandlungskosten) und 30,15 Mrd. Euro auf indirek­te Kosten (Produktivitätsverluste);

Effertz (2015): Die volkswirtschaftlichen Kosten gefährlichen Konsums. Eine theoretische und empirische Analyse für Deutschland am Beispiel Alkohol, Tabak und Adipositas.

In den deutschen Berechnungen werden intangible Kosten nicht beziffert. Die Krankheitskostenberechnung sieht keine standardisierte Methode vor, Leid, Schmerz und verminderte Lebensqualität in finanziellen Beträgen zu bewerten. Allerdings bleiben einige Faktoren so unberücksichtigt, die die Betroffenen belasten, z.B. der Verlust an Lebensqualität in wirtschaftlich unproduktiven Jahren nach Erreichen des gesetzlichen Rentenalters. In anderen gesellschaftlichen Bereichen, wird durchaus ein Versuch unternommen, intangible Kosten zu beziffern. So kann ein durch eine Körperverletzung Geschädigter vor Gericht darauf hoffen, dass ihm Schmerzensgeld zugesprochen wird. D.h. sein erlittenes Leid wird mit einer Geldsumme beziffert und er kann diese als Entschädigung erhalten.

Exkurs: Soziale Kosten durch Tabakkonsum in Deutschland

- Insgesamt entstehen in Deutschland jährlich 78,25 Mrd. Euro tabakbezogene Kosten;

- Davon entfallen 52,84 Mrd. Euro auf indirekte Kosten (Produktivitätsverluste) und 25,41 Mrd. auf direkte Kosten;

Effertz 2015; vgl. oben.

Im zusammenhang mit Tabakkonsum sind es vor allem die indirekten Kosten, die in der Arbeitswelt bzw. der Volkswirtschaft spürbar werden. Unternehmen und private Haushalte sind durch Tabakkonsum noch stärker belastet als durch Alkoholkonsum. Direkte Kosten durch Arbeitsunfälle sind, im vergleich zum Alkohol, durch Tabak nicht einzurechnen.

Ebenso wie beim Alkohol, ist auch beim Tabak keine Berechnung der intangiblen Kosten erfolgt. Dadurch werden auch hier negative Auswirkungen, die durch eine Erkrankung entstehen, nicht erfasst.

Zurück zum Inhaltsverzeichnis


Der Nutzen von Präventionsprogrammen

Um Mitarbeitern mit problematischem Suchtmittelkon­sum Unterstützung und Hilfe anzubieten, haben viele Unternehmen in Deutschland Maßnahmen betrieblicher Suchthilfe eingeführt. Zunehmend wenden sich Unter­nehmen auch der Vorbeugung von gesundheitlichen Problemen aufgrund von Suchtmittelkonsum zu. Im Rahmen betrieblicher Suchtprävention nutzen Unter­nehmen u.a. Aufklärungsmaterial, schulen Mitarbeiter und Führungskräfte und führen Aktionstage durch.Die überwiegende Mehrheit der Unternehmen, die ein Suchtpräventionsprogramm durchführen, zieht eine positive Kosten­Nutzen­Bilanz. Auf einer Skala von 1 (Kosten sind größer) bis 7 (Nutzen ist größer) bewerteten 139 Unternehmen die Bilanz im Durchschnitt mit 5,5 (Median 6, d.h. mehr als die Hälfte geben einen Wert von 6 oder 7 an).

Kosten-Nutzen-Verhältnis von betrieblichen Suchtpräventionsprogrammen

- Die Einführung eines Suchtpräventionsprogrammes erfordert zunächst Investitionen.

- Die jährliche Fortführung des Programmes ist mit geringeren Kosten verbunden.

- 70% der befragten Unternehmen ziehen eine positive Kosten-Nutzen-Bilanz.

- Weitere 20% sehen eine ausgeglichene Kosten-Nutzen-Bilanz für Suchtpräventionsprogramme.

- Der Nutzen zeigt vor allem Reduktion von Alkoholproblemen, Reduktion von Fehlzeiten und Verbesserung des Arbeitsklimas.

Telser, Hauck & Fischer (2010): Alkoholbedingte Kosten am Arbeitsplatz.

In einer Studie in der Schweiz ermittelten die Autoren Telser, Hauck und Fischer (2010) die alkoholbedingten Kosten am Arbeitsplatz. Sie erhoben u.a. Daten zu den Kosten durch Absentismus, Unfälle und fehlerhafte Tätigkeiten. In der Datenerhebung mit 1300 Personalverantwortlichen erfragten die Autoren auch, ob in den jeweiligen Unternehmen Präventionsprogramme existieren, was diese in der Umsetzung kosten und welchen Nutzen sie erbringen. Die Ergebnisse hinsichtlich der alkoholbezogenen Kosten in Betrieben ähneln den Erkenntnissen aus internationalen Studien. So wird bestätigt, dass hohe Kosten hauptsächlich durch Produktivitätsverluste, Fehlzeiten und auch (aber in vergleichsweise geringeren Anteilen) durch Arbeitsunfälle verursacht werden.

Nur 14% der Unternehmen gaben an, ein Suchtpräventionsprogramm zu betreiben. Weitere 6% planten zum Zeitpunkt der Studie die Einführung eines solchen Programmes. Generell ließen sich in größeren Unternehmen häufiger Suchtpräventionsprogramme finden. Zudem sind Programme häufiger in Branchen anzufinden, in denen vermehrt Alkoholprobleme auftreten (Gastgewerbe, Baugewerbe). Die überwiegende Mehrheit der befragten Unternehmen zieht eine positive Kosten-Nutzen-Bilanz. Auf einer Skala von 1 (Kosten sind größer) bis 7 (Nutzen ist größer) bewerteten 139 Betriebe den Nutzen im Durchschnitt mit 5,5 (Median 6, d.h. mehr als die Hälfte geben einen Wert von 6 oder 7 an). Der Nutzen zeigt sich den Angaben zufolge vor allem durch die Reduktion von Alkoholproblemen, die Reduktion von Fehlzeiten und einer Verbesserung des Arbeitsklimas. (Telser, Hauck & Fischer 2010)

Zurück zum Inhaltsverzeichnis


Der einzelbetriebliche Nutzen

Ein positives Betriebsklima, gesundheitsbewusste Mitarbeiter, weniger Unfälle und Krankheiten sind Anreize für Unternehmen in Prävention und Gesund­heitsförderung zu investieren. Die Kosten stellen für einige Unternehmen zunächst eine Hürde dar.In einer „Präventionsbilanzierung“, also einer Kosten­ Nutzen­-Analyse, wurde ermittelt, ob sich Investitionen in Prävention und Gesundheitsförderung aus einzelbetrieb­licher Sicht lohnt. Die Kennzahl „Return on Prevent“ (ROP), spiegelt das Verhältnis von Kosten zu Nutzen wider. Die Untersuchung belegt, dass auch aus einzelbe­trieblicher Sicht ein wirtschaftlicher Nutzen durch Prävention erfolgt.

Der einzelbetriebliche Nutzen von Prävention am Arbeitsplatz

Unmittelbare Präventionswirkung
- Reduzierung der Gefährdungen
- Erhöhung des Gefährdungsbewusstseins
- Reduzierung der sicherheitswidrigen Verhaltensweisen und Arbeitsunfälle

Mittelbare Präventionswirkung
- Verbesserung des Image in der Öffentlichkeit
- Verbesserung der Unternehmenskultur

„Return on Prevent“ (ROP) im Verhältnis von 1 zu 2,2
- Je investiertem Euro können Unternehmen mit einem potenziellem ökonomischem Erfolg in Höhe von 2,20 € rechnen.

IVSS (2011): Prävention lohnt sich: Kosten und Nutzen von Präventionsmaßnahmen zu Sicherheit und Gesundheit am Arbeits­platz für die Unternehmen

Befragt wurden Experten (d.h. in Präventionsfragen bereits erfahrene Betriebsratsmitglieder, Controller, Sicherheitsfachkräfte, Unternehmer) nach ihrer Einschätzung zu Kosten und Nutzen von Präventionsprogrammen in ihren Unternehmen. Datensätze aus 300 Unternehmen in15 Ländern lagen zur Auswertung vor. (IVSS 2011)

In der Studie wurde nicht nach Inhalten der Präventionsmaßnahmen unterschieden. Die Kosten-Nutzen-Rechnung von Alkoholprävention kann daher nicht getrennt von anderen arbeitsplatzbezogenen Präventionsmaßnahmen betrachtet werden. Es ist jedoch hervorzuheben, dass bei einer Aufschlüsselung in Einzelbereiche das Kosten-Nutzen-Verhältnis für „bestimmte präventionsbedingte Qualifizierungsmaßnahmen“ besonders positiv ausfällt. Maßnahmen zur Alkoholprävention wie Schulung von Mitarbeitern zu Risiken des Alkoholkonsums am Arbeitsplatz und Führungskräften zum Umgang mit riskant Konsumierenden sind diesem Maßnahmentypus zuzuordnen. 

Zurück zum Inhaltsverzeichnis


"European Workplace and Alcohol"

Das europäische Projekt “European Workplace and Alcohol” wurde durch die Europäische Kommission co­finanziert und erhielt 2011 eine Laufzeit von zwei Jahren.Ziel des Vorhabens war es, bestehende Strategien betrieblicher Suchtprävention zu untersuchen und neue zu entwickeln, die im betrieblichen Kontext eine Verän­derung des individuellen Verhaltens und des Unterneh­mensklimas hinsichtlich des Alkoholkonsums bewirken. Das Projekt wurde in Kooperation mit den EWA­Projekt­partnern sowie Unternehmen durchgeführt. Hierfür wurden in zwölf europäischen Ländern zunächst Bei­spiele guter Praxis erhoben (Case Studies) und daraus ein Maßnahmenkatalog erstellt. Dieser wurde während einer Pilotphase in jeweils fünf Unternehmen je Land in der Praxis hinsichtlich seiner Wirksamkeit untersucht. Die Pilotphase wurde wissenschaftlich begleitet und nachbereitet.

Ergebnisse des EWA-Projektes:
Veränderungen im Unternehmen

- 82 % haben bessere Kenntnis über Risiken und Gefahren von Alkohol
- Kritischere Sichtweise der Arbeitnehmer in Bezug auf Alkohol am Arbeitsplatz
- Reduzierter riskanter Konsum von Alkohol
- 31 % geben an weniger zu trinken
- Weniger alkoholbedingtes Zuspätkommen
- Weniger Krankheitstage aufgrund von Alkoholkonsum
- Weniger Arbeitsunfälle
- Nur noch halb so viele Mitarbeiter, die mit einem Kater auf der Arbeit erscheinen
- Größere Zufriedenheit in der subjektiven Lebenswahrnehmung

Ein Beleg für suchtpräventive Programme im Unternehmen

Es wurde eine Begleitforschung in der Vorher­ und Nachher-­Erhebung durchgeführt. Anhand dieser Ergeb­nisse wird deutlich, dass suchtpräventive Programme im Unternehmen deutliche positive Auswirkungen haben. In der Nachher­-Befragung wurde eine vermehrte Tendenz zur kritischen Beurteilung von Alkohol am Arbeitsplatz festgestellt. 82 % der Befragten aus den Unternehmen bestätigten die Frage, ob sich ihre Kennt­nis über Risiken und Gefahren des Alkoholkonsums verbessert habe, mit ja. 31 % gaben in einer Selbstauskunft an, weniger zu trinken. Bei einer Nachher-­Erhebung wurde ein redu­zierter riskanter Konsum sowohl für Männer als auch für Frauen festgestellt. In Bezug auf Arbeitsprozesse und Betriebsklima wurden weniger Überstunden, weni­ger Ausfälle und Vertuschen sowie weniger Unfälle verzeichnet. 86 % bewerteten das Alkoholprogramm im Unternehmen als nützlich.

Weitere Informationen zum Projekt finden Sie unter: www.eurocare.org

Zurück zum Inhaltsverzeichnis


Zusammenfassung und Fazit

Die Studienergebnisse zeigen die Folgen sowohl in Ausmaß als auch in ihrer Vielfältigkeit und ihrem Schweregrad auf. Auch wenn sich nicht alle Studienergebnisse auf Deutschland übertragen lassen, sind sie als Hinweise von großem Wert. Die lückenhafte Datenlage in Deutschland im Vergleich zum internationalen Raum zeigt hier großen Bedarf  für weitere Forschung.

Auswirkungen von Alkoholkonsum auf die Arbeitswelt

- Es besteht ein Zusammenhang zwischen problematischem Alkoholkonsum und Absentismus.

- Durch Präsentismus erhöht sich die Unfallgefahr und die Produktivität wird verringert.

- Dritte werden durch Unfälle gefährdet und ihre Produktivität sinkt.

- Einige Berufsgruppen sind stärker belastet. Jedoch bleiben Fragen nach den Begründungszusammenhängen ungeklärt.

- Ungünstige Arbeitsbedingungen (Missverhältnis von Verausgabung und Belohnung) steht im Zusammenhang mit problematischem Alkoholkonsum.

- Produktivitätsverluste machen den größten Anteil der sozialen Kosten durch Alkohol aus.

- Prävention lohnt sich in mehrfacher Hinsicht! Einzelne Betriebe wie auch die Volkswirtschaft insgesamt und nicht zuletzt Beschäftigte ziehen einen Nutzen aus Suchtprävention am Arbeitsplatz.

Verschiedene Fehlzeitanalysen weisen auf Zusammenhänge von problematischem Alkoholkonsum und Absentismus hin. Die Zusammenhänge haben sich in sehr unterschiedlichen Studiendesigns gezeigt (Untersuchung von Trinkmustern und Fehlzeiten; Pro-Kopf-Konsum und Fehlzeiten; Auswertung von Daten von Krankenkassen). Sie zeigen, dass eine Reduzierung von problematischem Alkoholkonsum auch den Absentismus senkt.

Es bestehen Zweifel, ob der Anteil oder das Ausmaß von Präsentismus und Alkoholkonsum in einer Untersuchung realitätsnah abgebildet werden können. Im Rahmen des Möglichen zeigen Studienergebnisse jedoch, dass Präsentismus die Unfallgefahr erhöht und die Arbeitsleistung senkt.

Neben dem Risiko, durch einen Arbeitsunfall eines konsumierenden Kollegen verletzt zu werden, belastet das Trinkverhalten Dritter die eigene Arbeitsleistung. Die Minderleistung muss kompensiert werden muss oder die eigene Arbeitsqualität sinkt durch Fehler des Konsumierenden.

Ein Missverhältnis von Verausgabung und Belohnung am Arbeitsplatz kann zu Arbeitsstress führen und eine Gratifikationskrise auslösen. Darauf reagieren Menschen unterschiedlich, mitunter mit riskanten Verhaltensweisen. Studien belegen einen Zusammenhang von Arbeitsstress und der Wahrscheinlichkeit für riskanten Alkoholkonsum.

Alkoholkonsum verursacht hohe gesellschaftliche Kosten. Am stärksten betroffen davon ist die Arbeitswelt, denn die Kosten, die durch Produktivitätsverluste entstehen, machen den größten Teil der sozialen Kosten aus. Es lohnt sich für Unternehmen auch auf einzelbetrieblicher Ebene deshalb, Suchtpräventionsprogramme einzuführen. Untersuchungen bestätigen eine positive Kosten-Nutzen-Bilanz.

Suchtprävention am Arbeitsplatz ist aus individueller, gesamtgesellschaftlicher wie auch betrieblicher Sicht hilfreich und wirksam und damit unterstützungswert. Die Arbeitswelt stellt neben der Familie denjenigen Lebensbereich dar, der durch riskanten Alkoholkonsum und Abhängigkeit am stärksten betroffen ist.

Das Setting „Arbeitsplatz“ erfüllt alle Anforderungen für erfolgreiche Suchtprävention. Hier wird ein großer Teil der erwachsenen Bevölkerung in einem organisierten Umfeld erreicht. Am Arbeitsplatz bestehen durch die Unternehmensstrukturen zumeist etablierte Kommunikationswege. Unternehmen haben darüber hinaus ein Eigeninteresse an gesunden und leistungsfähigen Mitarbeitern und einem positiven Betriebsklima.

Riskanter Alkoholkonsum von Kindern und Jugendlichen ruft regelmäßig große Medienresonanz hervor. Es wird zuweilen vernachlässigt, dass der überwiegend größte Teil der riskant Konsumierenden und vor allem der Alkoholabhängigen erwachsene Personen im erwerbsfähigen Alter sind. Das gesellschaftliche Interesse, flächendeckende Suchtprävention am Arbeitsplatz zu etablieren, sollte dem-entsprechend auch durch politische und sozialrechtliche Institutionen gefördert werden.

Zurück zum Inhaltsverzeichnis


Literaturverzeichnis:

Hinweis zu geschlechtergerechten Formulierungen: Frauen und Männer sollen sich von unseren Veröffentlichungen gleichermaßen angesprochen fühlen. In Texten der DHS werden die weibliche und die männliche Sprachform verwendet. Zugunsten besserer Lesbarkeit kann abweichend nur eine Sprachform verwendet werden. Wir danken für Ihr Verständnis.