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Zahlen/Daten/Fakten zu Alkohol am Arbeitsplatz

Die Auswirkungen von Alkoholkonsum auf die Arbeitswelt – Hintergrundinformationen aus Forschung und Wissenschaft

Alkohol verursacht in Deutschland in allen Lebensbereichen weitaus größere Probleme als alle anderen Suchtmittel – auch in der Arbeitswelt. Hintergrund ist die hohe gesellschaftliche Akzeptanz von Alkoholkonsum und die außerordentlich leichte Verfügbarkeit dieses Suchtmittels. Erst im Falle von Missbrauch und Abhängigkeit wird Alkoholkonsum als soziales und gesundheitliches Problem wahrgenommen.

Die genauen Ausmaße der Belastungen und Schäden in der Arbeitswelt sind in Deutschland bisher relativ wenig erforscht. Um sich einen umfassenden Überblick zu verschaffen, muss ein Blick auf Studienergebnisse aus dem internationalen Raum geworfen werden, die zum Teil schon länger zurückliegen. Nichtsdestotrotz zeigt diese Sammlung von Daten, Zahlen und Fakten die Vielfältigkeit und Schwere der Belastungen und Schäden auf, die nicht erst bei manifesten Alkoholproblemen auftreten, sondern bereits durch riskanten Konsum in der Arbeitswelt verursacht werden.

Es liegen kaum belastbare Daten über die Ausmaße des Konsums anderer Suchtmittel oder des Medikamentenmissbrauchs in der Arbeitswelt sowie in diesem Zusammenhang entstehende Schäden vor. Unabhängig vom Ausmaß ist jedoch davon auszugehen, dass Risiken, Gefährdungen und Folgen für Betriebsablauf, -klima und die Produktivität in gleicher Bandbreite auftreten.



Alkoholabhängige und problematisch Konsumierende in Arbeit

Zu den wichtigsten Fragen hinsichtlich der Auswirkungen von Alkohol am Arbeitsplatz zählt, wie viele Arbeitnehmer von einer Alkoholproblematik betroffen sind und welche Einschränkungen sie und die Unternehmen dadurch erfahren. Neben dem Anteil von Abhängigkeitserkrankten und gefährdeten Personen zählen Daten über Fehlzeiten und Unfällen zu den Erkenntnissen über die Einschränkungen.

Alkoholabhängige und problematisch Konsumierende in Arbeit

- etwa 5% der Arbeitnehmer sind Alkoholabhängig; bei Führungskräften bis zu 10%;

- bis zu 10% der Arbeitnehmer sind problematisch Konsumierende;

- problematisch Konsumierende fehlen 16mal häufiger;

- problematisch Konsumierende fehlen 2,5mal häufiger acht und mehr Tage;
 
- problematisch Konsumierende erleiden 3,5mal häufiger Arbeitsunfälle;
 
- problematisch Konsumierende nehmen 5mal häufiger Krankenversicherungsleistungen in Anspruch;

- problematisch Konsumierende sind 3mal häufiger arbeitsunfähig gemeldet („Krankgeschrieben“);

- Bei problematisch Konsumierende tritt ein etwa 25%iger Verlust der Arbeitsleistung ein.

In der Studie des Stanford Forschungsinstituts (siehe Kasten) wurden alkoholbedingte Einschränkungen für Alkoholabhängige und für „problematisch Konsumierende“ (im Original „problem drinkers“) untersucht. Mit diesem Begriff wurden in der Studie Personen bezeichnet, bei denen die Arbeitsleistung durch Alkoholkonsum negativ beeinflusst wurde, unabhängig davon, ob eine klinische Diagnose vorlag. 10% der Arbeitnehmer gelten als problematisch Konsumierende. Enthalten darin sind diejenigen 5%, bei denen eine Abhängigkeitserkrankung festgestellt wurde.

Die Ergebnisse der Studie des Stanford Research Instituts erlangte große Bekanntheit in Deutschland. Obwohl schon 40 Jahre zurückliegend werden die Ergebnisse auch heute noch häufig zitiert. Von Experten und Praktikern werden sie immer wieder bestätigt und gelten daher noch nicht als veraltet. William Livingston erhob für die Studie in den USA Daten in 20 Unternehmen.

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Absentismus und Fehlzeiten

Absentismus bezeichnet in Arbeitszusammenhängen die Abwesenheit vom Arbeitsplatz aufgrund motivationaler Ursachen oder gar auf planmäßigem Fernbleiben von der Arbeit. Die Unterscheidung zum Krankenstand ist unter Umständen schwer zu treffen. Auch kurzzeitige Krankheit und Unwohlsein kann ein Fernbleiben vom Arbeitsplatz begründen. Zur Erfassung des Krankenstandes sind gemeldete Arbeitsunfähigkeitstage erforderlich.

Dass ein Zusammenhang zwischen riskantem Konsum bzw. einer Abhängigkeit und der vermehrten Abwesenheit vom Arbeitsplatz besteht, erscheint naheliegend. Diesen Zusammenhang wissenschaftlich zu messen, stellt Forscher jedoch vor eine schwierige Herausforderung. Eine Analyse von Daten der Krankenkassen unterschätzt die tatsächlichen Ausmaße des Problems. In solchen Datensätzen sind Fälle identifizierbar, die mit einer eindeutigen Diagnose dokumentiert sind (F10.x des ICD-10). Üblicherweise wird in Deutschland eine ärztliche Bescheinigung über die Arbeitsunfähigkeit erst ab 3 aufeinanderfolgenden Krankheitstagen vom Arbeitgeber angefordert. In vielen Fällen dürfte ein einzelner Fehltag, der durch Alkoholkonsum begründet ist, in dieser Statistik nicht auftauchen. Zudem gibt es Hinweise, dass auch längere Fehlzeiten, die mit Alkoholkonsum in Verbindung stehen, nicht immer als solche dokumentiert werden.

So fand auch eine Untersuchung von anonymisierten Daten von Versicherten durch die Krankenkasse BARMER heraus, dass Alkoholprobleme als dokumentierte Ursache von Arbeitsunfähigkeiten verhältnismäßig selten aufzufinden sind. Zahlen der Diagnosen in Krankenhäusern und auch im ambulanten Bereich zeigen dagegen deutlich häufigere Hinweise auf Alkoholprobleme, als durch die „Krankschreibungen“ anzunehmen sei. Erwerbstätige, bei denen Hinweise auf Alkoholprobleme vorliegen, fehlen demnach durchschnittlich 40 Tage im Jahr länger als Erwerbstätige ohne entsprechenden Hinweis. Nur ein Drittel dieser erhöhten Fehltage lässt sich durch die Dokumentation eindeutig Alkoholproblemen zuordnen. 

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Fehlzeiten und Fehlzeitverläufe

Um die Ausmaße von alkoholbedingten Fehlzeiten erfassen zu können, reicht die Analyse des Krankenstandes allein nicht aus. In Untersuchungen werden weitere Daten ergänzend erhoben, die nähere Informationen über Konsumverhalten und Fehlzeiten erfassen.

Fehlzeiten / Fehlzeitverläufe und Alkoholprobleme

Ergebnisse von Kleinsorge & Thiess:

- Alkoholabhängige fehlten über einen Zeitraum von drei Jahren durchschnittlich an 189 Tagen.

-Die Personen einer Kontrollgruppe fehlten an 95 Tagen im gleichen Zeitraum.

- Die höchste Zahl der Alkoholabhängigen fand sich in der Altersgruppe der 40- bis 50-Jährigen.

- 22,6% der Alkoholabhängigen wurden vorzeitig pensioniert oder sind durch Entlassung aus dem Unternehmen ausgeschieden.


Ergebnisse von Petschler & Fuchs:

- Fehlzeiten von Mitarbeitern mit Alkoholproblemen lagen durchgängig über den Fehlzeiten der Kontrollgruppe.

- Im Jahr 1991 waren die Fehlzeiten um das 5-fache höher als bei der Kontrollgruppe.

- Nach einer Entwöhnungsbehandlung verbesserten sich Fehlzeiten von ehemaligen Alkoholabhängigen um mehr als 50%.

Es gibt einige Studien aus Deutschland, die den Zusammenhang von Fehlzeiten und Alkoholabhängigkeit untersuchten. Kleinsorge und Thiess verglichen 1972 und 1979 die Fehlzeiten von Alkoholabhängigen mit denen einer Kontrollgruppe anhand von Unterlagen der Betriebskrankenkasse des Unternehmens BASF. In einer Untersuchung bei einer bundesdeutschen Großbehörde mit mehr als 10.000 Mitarbeitern konnten Petschler und Fuchs 1993 eine Studie zu Fehlzeitverläufen durchführen. Außerdem untersuchten sie den Nutzen betrieblicher Intervention bei Alkoholproblemen. Die Autoren bekamen beschränkte Einsicht in Personalakten von 106 Mitarbeitern und werteten Fehlzeiten der Jahre 1986 bis 1992 aus. Die Stichprobe umfasste Alkoholabhängige und auch ehemals Abhängige („trockene Alkoholiker“). Mit einigen der Alkoholabhängigen wurde während des Untersuchungszeitraumes eine Entwöhnungsbehandlung durchgeführt. Durch die Intervention verbesserten sich ihre Daten zu Fehlzeiten deutlich: Vor der Intervention lagen sie gleichauf mit „nassen Alkoholikern“, nach der Intervention gleichauf mit der Kontrollgruppe. In dem Jahr, in dem die Intervention durchgeführt wurde, lagen die Fehlzeiten aufgrund von Abwesenheit während der Entwöhnungsbehandlung aber noch darüber.

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Gesamtkonsum und krankheitsbedingte Fehlzeiten

Das gesamtgesellschaftliche Konsumniveau steht in direktem Zusammenhang mit krankheitsbedingter Arbeitsunfähigkeit. Durch umfassende Auswertungen bevölkerungsbezogener Daten in Skandinavien wurde nachgewiesen, dass dieser Zusammenhang statistisch signifikant ist.

Zusammenhang von Gesamtkonsum und krankheitsbedingten Fehlzeiten

- Ein Anstieg des Pro-Kopf-Konsums in der Bevölkerung um einen Liter Reinalkohol ist mit einem Anstieg von 13% krankheitsbedingter Fehlzeiten verbunden. Zu diesem Ergebnis kommt eine schwedische Studie.

- Diese Studie wurde in Norwegen wiederholt. Die Ergebnisse beider Untersuchungen sind nahezu identisch. und in beiden Studien statistisch signifikant für Männer (p<0,05), nicht aber für Frauen.

Thor Norström führte in Schweden (in 2006) und in Norwegen (in 2009, gemeinsam mit Inger S. Moan) entsprechende Untersuchungen zum Zusammenhang von gesamtgesellschaftlichem Konsumniveau und krankheitsbedingter Arbeitsunfähigkeit durch. Für beide Studien konnten anhand der Daten von Krankenkassen die Arbeitsausfälle erfasst und mit repräsentativen Befragungen der erwerbstätigen Bevölkerung abgeglichen werden. Der gesamtgesellschaftliche Konsum ließ sich anhand der Verkaufszahlen von Alkohol errechnen. Da Norström Daten von sehr großen Zeiträumen vorlagen (1935 bis 2002 für Schweden; 1957 bis 2001 für Norwegen), wurden Kontrollvariablen für die wirtschaftlichen Veränderungen (z.B. Arbeitslosenquote, Reallöhne) berücksichtigt. Das auffallend ähnliche Ergebnis beider Studien zeigt, dass ein Zusammenhang des gesamtgesellschaftlichen Alkoholkonsums mit einer Veränderung krankheitsbedingter Arbeitsausfälle besteht und dieser Zusammenhang für Männer statistisch signifikant ist.

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Der Einfluss von Trinkmustern auf alkoholbedingte Fehlzeiten

Riskante Trinkmuster stehen in einem direkten Zusammenhang mit Fehlzeiten. Es besteht sowohl ein Zusammenhang für solche Trinkmuster, bei denen große Mengen Alkohol bei einer Trinkgelegenheit konsumiert werden (kurzfristig riskante Trinkmuster), als auch für den regelmäßigen Konsum von Alkoholmengen, bei denen gesundheitliche Folgen erst später auftreten können (langfristig riskante Trinkmuster).

Zusammenhangmasse (Odds Ratio) für kurzfristig und langfristig riskante Trinkmuster

In einer Studie mit über 13.000 australischen Erwerbstätigen stellten Ann Roche et al. einen Einfluss der Trinkmuster auf Fehlzeiten fest. Sie klassifizierten den Alkoholkonsum der Befragten nach Trinkmustern mit unterschiedlichem Risikoniveau. Die Stichprobe der befragten Personen wurde nach Alter, Geschlecht und Familienstand gewichtet. Die Klassifizierung erfolgte nach kurzfristigen und langfristigen Risiken, für die Abstufungen in „wenig riskant“, „riskant“ und „hoch riskant“ vorgenommen wurden. In den Ergebnissen zeigt sich ein starker Zusammenhang von riskanten Konsummustern und Fehlzeiten.

Verglichen mit wenig riskantem Konsum war die Wahrscheinlichkeit um da 3,1-fache erhöht, alkoholbedingte Fehlzeiten anzugeben, wenn die befragte Person einmal im Jahr hoch riskant konsumierte (mehr als 110g (Männer) bzw. 70g (Frauen) reinen Alkohols an einem Tag). Bei einmal monatlich hochriskantem Konsum erhöhte sich die Wahrscheinlichkeit um das 8,7-fache und bei einmal wöchentlich hoch riskantem Konsum um das 21,9-fache.

Für langfristige Risiken wurde ebenfalls eine Abstufung in „riskant“ und „hoch riskant“ vorgenommen. Es galten die Grenzwerte für Männer bzw. Frauen von 290-420g bzw. 150g-280g reinen Alkohols pro Woche. Die Wahrscheinlichkeit, dass befragte Personen mit riskantem Konsummuster alkoholbedingte Fehlzeiten angaben, lag im Vergleich zu nicht riskant Konsumierenden um das 4,3-fache höher. Bei hochriskant Konsumierenden lag sie sogar um das 7,3-fache höher.

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Präsentismus

Mit Präsentismus wird das Verhalten von Arbeitnehmern bezeichnet, trotz Krankheit oder gesundheitlicher Einschränkung (auch Alkoholeinfluss oder Nachwirkungen) am Arbeitsplatz anwesend zu sein. In diesem Zustand kann nur eine verminderte Arbeitsleistung erbracht werden.

Präsentismus führt zu verminderter Arbeitsleistung
durch:

- verminderte Leistungsfähigkeit
- verminderte Konzentrationsfähigkeit und Aufmerksamkeit
- häufigere Fehler, Nicht-Einhaltung von Qualitätsstandards
- erhöhte Unfallgefahr
- Gefahr der Verschleppung und Chronifizierung von Krankheiten

Häufig sind diese Leistungsverluste wenig sichtbar und schwierig zu erfassen. So muss eine Krankheit als solche überhaupt erst erkannt werden, auch vom Erkrankten selbst. Das Verhalten, trotz eindeutiger Symptome (z.B. Kopf- oder Rückenschmerzen; Erkältungssymptome) dennoch zur Arbeit zu gehen, ist in Deutschland sehr verbreitet. Eine bundesweite repräsentative Umfrage in 2009 zu Präsentismus ergab, dass 71,2% der Befragten angaben, im vergangenen Jahr mindestens einmal krank zur Arbeit gegangen zu sein.

Präsentismus und Produktivitätsverluste

Es gibt zahlreiche Versuche in den Wirtschaftswissenschaften, Produktivitätsverluste zu berechnen. Offenkundig entstehen durch Krankheiten Produktivitätsverluste durch Absentismus. Die Ausfälle durch Absentismus stellen aber nur die Spitze des Eisberges dar. Die Betrachtung krankheitsbedingter Produktivitätsverluste muss auch berücksichtigen, dass Beschäftigte vermindert leistungsfähig zur Arbeit kommen. Auch die durch Präsentismus entstehenden Produktivitätsverluste sind in verschiedenen Studien schon geschätzt worden. Schultz und Ellington (2007) untersuchten 37 Studien, die sich mit Präsentismus befassen. Sie kommen zu dem Ergebnis, dass die Produktivitätsverluste durch Präsentismus doppelt so hoch sind, wie die durch Absentismus. Fissler und Krause (2010) kommen zu dem Schluss, dass die Produktivitätsverluste gegenüber Absentismus im Verhältnis 35 zu 65 Prozent zu erwarten sind.

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Alkoholeinfluss bei der Arbeit

In der Praxis ist es schwierig die Folgen von Präsentismus zu erfassen, d.h. eine Minderung der Arbeitsleistung objektiv zu messen, und diese ursächlich auf eine eingeschränkte Gesundheitssituation zurückführen zu können. Jedoch gibt es für bestimmte Zusammenhänge auch belastbare Indikatoren, dass die Arbeitsfähigkeit herabgesetzt wurde, z.B. wenn die Auswirkungen eines Alkoholrausches eindeutig die Ursache eines Arbeitsunfalles sind.

Unter Alkoholeinfluss bei der Arbeit versteht man nicht nur den tatsächlichen Alkoholkonsum während der Arbeitszeit. Hierzu zählen alle Auswirkungen von Alkoholkonsum, die in die Arbeitszeit hineinwirken. Also z.B. Alkoholkonsum vor Beginn der Arbeitszeit, oder die Auswirkungen eines „Katers“.

Alkoholeinfluss bei der Arbeit

- Alkoholeinfluss beeinträchtigt die Arbeitsleistung.

- Es besteht ein nahezu linearer Zusammenhang zwischen Alkoholeinfluss und Minderung der Arbeitsleistung.

- Die Unfallgefahr wird erhöht.


Wege- und Arbeitsunfälle

- Bei 20% bis 25% aller Arbeitsunfälle sind Personen unter Alkoholeinfluss involviert (Arbeitsunfälle, die zu einer Verletzung des Konsumenten selbst oder von Dritten führen).

Mangoine et al. (1999) untersuchten den Zusammenhang von Alkoholkonsum und verminderter Arbeitsleistung bei 6540 Beschäftigten. In der Stichprobe waren Manager, Vorgesetzte und Arbeiter enthalten. Im Ergebnis zeigte sich ein nahezu lineares Verhältnis zwischen durchschnittlichem Konsum und Beeinträchtigung der Arbeitsleistung. Die stärksten Zusammenhänge bestehen zwischen Alkoholkonsum und verspätet zur Arbeit zu erscheinen und weniger Arbeit zu erledigen. Der Zusammenhang zwischen Alkoholkonsum und Fehltagen ist vergleichsweise schwächer ausgeprägt. Über die erhöhte Unfallgefahr – und daraus resultierende tatsächliche Unfälle, bei denen Alkohol involviert war – berichtete die Weltgesundheitsorganisation (WHO) in 2004. Bei bis zu 25% aller Arbeitsunfälle bei denen der Verursacher selbst oder Dritte verletzt wurden, steht einer der Betroffenen unter Alkoholeinfluss. Bei Unfällen mit tödlichem Ausgang sogar bis zu 60%. 

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Auswirkungen auf Dritte in Unternehmen

Alkoholkonsum am Arbeitsplatz gefährdet nicht nur trinkende Personen selbst. Unter Alkoholeinfluss stehende Personen haben ein erhöhtes Risiko, einen Unfall zu verursachen und sich und/oder andere dabei zu verletzen. Neben der Verletzungsgefahr durch Unfälle kommen auf Dritte auch Mehrbelastungen zu.

Auswirkungen auf Dritte in Unternehmen

Mehrbelastung bzw. erhöhte Risiken durch

- die erhöhte Gefahr, bei einen alkoholbezogenen Arbeitsunfall eines Konsumierenden verletzt zu werden;

- Ausfälle eines Konsumierenden, die durch Mehrarbeit zu kompensieren sind;

- Qualitätsverlust eigener Arbeit als Folge eines Qualitätsverlustes durch einen Konsumierenden.


Produktivitätsverluste

- Der Aufwand für Mehrarbeit entspricht den Produktivitätsverlusten durch Abwesenheit des Trinkers selbst;

- Ausfälle Dritter verursachen entsprechend gleich hohe Produktivitätsverluste wie die Ausfälle des verursachenden Trinkers;

- insgesamt verdoppeln Produktivitätsverluste Dritter die Kosten der Produktivitätsverluste durch Konsumenten selbst.

Die Autoren Laslett et al. (2010) untersuchten alle Auswirkungen des Alkoholkonsums auf Dritte. Der Ansatz ihrer Untersuchung zielt darauf ab, die auftretenden Schäden zu quantifizieren, in dem z.B. die sozialen Kosten für Verkehrsunfälle oder Gerichtsverhandlungen bei Opfern von Gewalt berechnet wurden. Die Autoren berücksichtigten auch die Arbeitsplatzumgebung und berechneten die entstehenden Kosten, wenn Dritte z.B. bei Arbeitsunfällen verletzt wurden, oder in ihrer eigenen Arbeitsleistung durch das Verhalten eines Konsumenten eingeschränkt wurden. Die Studie befragte 2649 erwachsene Personen in Australien. Es wurde erhoben, ob im Arbeitsleben der Befragten zusätzliche Belastungen entstehen, weil ein/e Kollege/-in trinkt („heavy drinkes or drinking a lot sometimes“). Daran anknüpfend wurde nach negativen Auswirkungen im letzten Jahr gefragt, z.B. ob die Person in Arbeitsunfälle oder beinahe in Arbeitsunfälle eines/-r Konsumenten/-in involviert wurde. Es wurde auch gefragt, ob eine eigene Abwesenheit aufgrund des Verhaltens eines/-r trinkenden Kollegen/-in erforderlich war, und ob Überstunden geleistet werden mussten, um die Ausfälle des/-r trinkenden Kollegen/-in zu kompensieren.

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Berufsgruppen mit erhöhtem Risiko

Einige Berufsgruppen scheinen ein höheres Risiko zu haben, durch Alkohol am Arbeitsplatz Einschränkungen und Schäden zu erfahren.

Hinweise auf Berufsgruppen mit erhöhtem Risiko

Erhöhte Risiken zeigen
- Mitarbeiter im Gastronomiegewerbe (Wirte, Bedienungs- und sonstiges Personal);
- Mitarbeiter des Seefahrtgewerbes und Hafenpersonal;
- Mitarbeiter im Dienstleistungsgewerbe.

Risiken unterhalb des Durchschnitts zeigen
- Mitarbeiter im Transportwesen;
- Landwirte;
- Genderspezifisch bei weiblichem Personal: pädagogisches Personal und Krankenschwestern.

Da Begründungszusammenhänge noch nicht ausreichend geklärt sind, ist weitere Forschung erforderlich.

Romeri et al. (2007) sind der Frage nachgegangen, ob für bestimmte Berufsgruppen ein erhöhtes Risiko für alkoholbedingte Schäden am Arbeitsplatz gilt. Um dies erfassen zu können, wurde errechnet, bei welchen Berufsgruppen alkoholbedingte Todesfälle häufiger vorkommen. Anhand nationaler Statistiken der Jahre 2001 bis 2005 aus England und Wales wurden die alkoholbedingten Todesfälle ausgewertet. Da in den Statistiken zu Todesfällen auch die Berufe der Verstorbenen erfasst wurden, konnten die Sterberegister daraufhin untersucht werden, in welchen Berufsgruppen alkoholbezogene Todesfälle im Vergleich zu dem Anteil alkoholbezogener Todesfälle in der Gesamtbevölkerung häufiger eintreten. Die so errechnete mortality ratio gibt an, ob die Berufsgruppe über- oder unterdurchschnittlich viele alkoholbedingte Todesfälle zu beklagen hat.

Besonders gefährdet sind demnach Mitarbeiter in Gaststätten („bar staff“), Kneipenwirte („publicans“) und Seefahrer. Bei männlichen Beschäftigten lag die mortality ratio in diesen Berufsgruppen über dem zweifachen Wert der Durchschnittsbevölkerung.

Die Studie selbst liefert keine Begründungszusammenhänge über das erhöhte Risiko der Berufsgruppen. Mögliche Zusammenhänge sind aber aus anderen Studien bekannt: so kann die Berufswahl von Personen, die ohnehin einen hohen Konsum haben, eine Rolle spielen. Auch die Arbeitsbedingungen in bestimmten Branchen, sozialer Druck und soziale Normen des Trinkens in bestimmten Berufsgruppen, eine leichte Verfügbarkeit, fehlende Supervision oder lange Zeiträume getrennt von Familie zu arbeiten, können demnach Ursachen sein. Auch arbeitsbedingter Stress, der für verschiedene psychische Leiden zunehmend als mögliche Ursache gilt, kann ein Faktor für Berufsgruppen mit erhöhten Risiken sein.

Zur Interpretation der Ergebnisse; Einschränkungen der Übertragbarkeit

1. Die landesspezifischen Charakteristika der Berufsbilder, die jeweiligen arbeitsschutzrechtlichen Bestimmungen wie auch die Konsumkulturen in den Branchen könnten die Ergebnisse aus England und Wales maßgeblich beeinflusst haben. Inwiefern die Ergebnisse auf Deutschland (oder Frankreich, Russland oder Japan) übertragbar sind, ist noch nicht geklärt. Gleiches gilt für vorliegende Studien aus Skandinavien.

2. Als alkoholbedingte Todesfälle konnten nur solche Todesfälle zugeordnet werden, in denen die Todesursache direkt mit Alkoholkonsum verbunden war. Es sind in den Statistiken keine Langzeitfolgen des Konsums erfasst. Das heißt, eine durch Alkoholkonsum verursachte Krebserkrankung, die zum Tode führte, konnte nicht als „alkoholbedingter Todesfall“ erfasst werden. Auch Todesfälle bei Verkehrsunfällen oder Gewalttaten, bei denen Alkohol eine indirekte Rolle spielte, wurden nicht erfasst. Diese Einschränkung begrenzt die Aussagekraft über Berufsgruppen mit erhöhtem Risiko. So könnten Berufsgruppen mit insgesamt sehr geringem Unfallrisiko in den Statistiken unterrepräsentiert sein.

Andere Studien, die in Skandinavien und ebenfalls in Großbritannien durchgeführt wurden, fanden weitere Berufsgruppen im Gastronomiegewerbe vor allem im Küchenpersonal mit erhöhtem Risiko. Zudem fand eine Untersuchung aus Schweden heraus, dass Hafenarbeiter als gefährdete Berufsgruppe gelten. Den Studien zufolge weniger gefährdete Berufsgruppen sind Landwirte und Berufsfahrer (im Transportwesen). Bei Frauen sind Berufsgruppen in der Kinderbetreuung, pädagogisches Personal und Krankenschwestern weniger gefährdet als der Bevölkerungsdurchschnitt.

Für Deutschland können Ergebnisse des Gesundheitsreports 2012 der BARMER Auskünfte geben, in welchen Branchen und Berufen es häufiger zu alkoholbezogenen Problemen am Arbeitsplatz kommt. Versicherte Erwerbstätige, deren dokumentierte Daten Hinweise auf Alkoholprobleme anzeigten, wurden nach Branchenzugehörigkeit ausgewertet. Auch hier deuten die Ergebnisse darauf hin, dass im Gastgewerbe alkoholbezogene Probleme häufiger vorkommen als in anderen Branchen. Zudem ist auch die Branche „Erbringung von sonstigen wirtschaftlichen Dienstleistungen“ (zu der insbesondere auch Zeitarbeitsunternehmen zählen) überdurchschnittlich stark betroffen.

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Arbeitsplatz und Arbeitsplatzbedingungen

Um arbeitsbedingten Stress zu kompensieren, neigen einige Menschen zu riskanten Verhaltensweisen. Diese können sich auch in erhöhtem Alkoholkonsum äußern.

Zusammenhang von Arbeitsplatzbedingungen und riskantem Alkoholkonsum

- Ein Ungleichgewicht von Verausgabung (Anforderungen, Verpflichtungen) und Belohnung (Einkommen, Anerkennung und Status) steht mit riskantem Alkoholkonsum in Zusammenhang.

- Ein Ungleichgewicht von Verausgabung und Belohnung steht mit einer höheren Wahrscheinlichkeit für eine Alkoholabhängigkeit in Zusammenhang.

Inwiefern nachteilige Arbeitsplatzbedingungen in Zusammenhang mit riskantem Alkoholkonsum stehen wurde bereits in den 1970er, 1980er und 1990er Jahren untersucht. Bei diesen Studien wurde vor allem gefragt, inwiefern Arbeitsbedingungen wie Schichtarbeit, geringe Verantwortung und Arbeitsplatzunsicherheit in Zusammenhang mit Alkoholabhängigkeit stehen. Dabei wurde jedoch häufig nicht berücksichtigt, dass Menschen individuelle Strategien mit dem Umgang von belastenden Arbeitsbedingungen entwickeln. Nur selten basierten diese Studien auf theoretischen Bezugsrahmen, die Entstehung und Kompensation von Stress berücksichtigen.

Ein Ansatz, arbeitsbedingten Stress im Zusammenhang mit Alkoholkonsum zu erfassen, findet sich bei dem Gratifikationskrisenmodell nach Siegrist (1990). Demnach wird Arbeitsstress durch ein Missverhältnis von Verausgabung (Anforderungen, Verpflichtungen) und Belohnung (Einkommen, Anerkennung und Status) ausgelöst. Folgen eines solchen Ungleichgewichtes („Gratifikationskrise“) können riskante Verhaltensweisen sein. Studien, die auf diesem Modell aufbauen, wurden später z.B. in Deutschland und England durchgeführt. Puls et al. (1998) fanden in einer anonymen Befragung in Betrieben der metallverarbeitenden Industrie einen Zusammenhang von einem Ungleichgewicht von Verausgabung und Belohnung und hohem Alkoholkonsum. In einer Kohortenstudie mit Behördenmitarbeitern fanden Head et al. (2004) einen Zusammenhang von einem Verausgabungs-Belohnungs-Ungleichgewicht mit Alkoholabhängigkeit. Je höher der Arbeitseinsatz bei unverhältnismäßig geringer Belohnung desto höher die Wahrscheinlichkeit einer Alkoholabhängigkeit. 

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Soziale und wirtschaftliche Kosten

Für die Gesellschaft fallen hohe alkoholbedingte Kosten an. Direkte Kosten entstehen größtenteils im Gesundheitswesen, indirekte Kosten in der Wirtschaft. Die gesamten Kosten werden in wirtschaftswissenschaftlichen Kostenschätzungen erfasst.

Soziale Kosten

Direkte Kosten: Behandlung, Arzneimittel, Gesundheitsdienstleistungen; aber auch durch Sachbeschädigungen, Verkehrsunfälle, Gerichtsverhandlungen

Indirekte Kosten: Produktivitätsverluste (z.B. durch Arbeitsausfälle, Frühberentung, Qualitätsverluste)

Intangible Kosten (werden in den Kostenschätzungen nicht beziffert): Verminderte Lebensqualität, Schmerzen, Leid

Soziale Kosten in Europa

- Indirekte Kosten durch verminderte Produktivität sind der dominierende Faktor bei der Zusammensetzung der sozialen Kosten;

- Direkte und indirekte Kosten summieren sich auf 125 Mrd. Euro jährlich;

- Davon entfallen 59 Mrd. Euro auf Produktivitätsverluste.

Um die gesamtgesellschaftlichen Kosten, auch soziale Kosten genannt, zu berechnen, werden die indirekten und direkten Kosten der betroffenen gesellschaftlichen Bereiche berücksichtigt. Im Gesundheitswesen fallen Behandlungskosten an, durch Polizeieinsätze und Gerichtsverfahren entstehen Kosten im Justizwesen und der Wirtschaft entstehen sowohl auf einzelbetrieblicher wie auch auf volkwirtschaftlicher Ebene Kosten durch Unfälle und Produktivitätsverluste.

Die methodische Vorgehensweise von Kostenschätzungen erfolgt nach wissenschaftlichen Standards der Wirtschafts- und Gesundheitswissenschaften. Fundierte Ansätze der Kostenschätzung gewährleisten, dass die tatsächlichen Kosten so exakt wie möglich abgebildet werden können.

Neben den direkten und indirekten Kosten werden auch sogenannte intangible Kosten durch Alkoholkonsum verursacht. Es handelt sich dabei um die Belastungen, die durch Leid, Schmerz und verminderte Lebensqualität entstehen. Auch sie werden in einigen Ansätzen den sozialen Kosten zugerechnet. Da es bei der Methodik ihrer Berechnung bislang keine einheitlichen Standards gibt, werden intangible Kosten in den Kostenschätzungen zumeist nicht berücksichtigt.

Anderson und Baumberg (2006) analysierten für ihren Bericht „Alcohol in Europe“ 21 europäische Studien zu alkoholbedingten Kosten, die methodologischen Standards entsprechen. Einheitlich kommen Untersuchungen zu dem Ergebnis, dass Produktivitätsverluste den größten einzelnen Kostenfaktor darstellen. Die größte Kostenlast durch Alkoholkonsum fällt also auf den gesellschaftlichen Bereich der Arbeitswelt. In der EU summieren sich die tangiblen (direkten und indirekten) Kosten auf insgesamt 125 Mrd. Euro jährlich. Auf die Kosten für Produktivitätsverluste entfallen 47% davon, also 59 Mrd. Euro.

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Soziale Kosten in Deutschland

Die Ermittlung der direkten und indirekten Kosten wird als „cost-of-illness-Methode“ bezeichnet und stellt den Standard der Krankheitskostenrechnung dar (Bergmann & Horch 2002). Bei der Bezifferung indirekter Kosten, bedienen sich Studien in Deutschland dem Konzept des Humankapitalansatzes. Man geht davon aus, dass Krankheit oder vorzeitiger Tod verhindern, dass die betroffene Person ansonsten (sprich: bei Gesundheit) Güter herstellt bzw. Dienstleistungen erbringt. Es wird unterstellt, dass der krankheitsbedingte Verlust eines Lebensjahres Kosten in Höhe des von der betroffenen Person ansonsten am Markt erzielbaren Jahresbruttoeinkommens verursacht (vgl. Hannover‘sche Konsens Gruppe 2007; Adams & Effertz 2011). 

In Deutschland wurden Berechnungen des gesamtgesellschaftlichen Schadens durchgeführt, der durch den Konsum von Alkohol und Tabak verursacht wird.

Alkohol

Tabak

Soziale Kosten durch Alkoholkonsum in Deutschland
mit Fokus auf die Arbeitswelt:

- Insgesamt entstehen in Deutschland jährlich 26,7 Mrd. Euro alkoholbezogene Kosten;

- Davon entfallen 16,7 Mrd. auf indirekte Kosten (Produktivitätsverluste) und 10 Mrd. auf direkte Kosten;

- In den direkten Kosten enthalten sind zudem 1 Mrd. Euro durch alkoholbedingte Arbeitsunfälle mit Sachschäden.

In Deutschland wurden in den vergangenen Jahren zwei umfangreiche Berechnungen durchgeführt, um die sozialen Kosten durch Alkohol zu beziffern. Konnopka & König (2007) errechneten, dass im Jahr 2002 in Deutschland 24,4 Mrd. Euro an sozialen Kosten entstanden sind. Adams und Effertz (2011) errechneten für das Jahr 2007 eine Summe von 26,7 Mrd. Euro. Enthalten sind in den Schätzungen jeweils die direkten und indirekten Kosten.

Indirekte Kosten des Alkohol- und Tabakkonsums für das Jahr 2007

Die direkten sozialen Kosten von Alkohol entstehen größtenteils im Gesundheitswesen (Behandlungen, Arzneimittel, Gesundheitsdienstleistungen). Die Arbeitswelt ist von einem vergleichsweise kleinen Anteil direkter Kosten betroffen. Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft GDV beziffert den Schaden durch Arbeitsunfälle auf 4,19 Milliarden. Bei der Annahme, dass bis zu 25% aller Arbeitsunfälle mit Alkoholkonsum zusammenhängen (vgl. WHO 2004), errechnet sich eine Summe von 1,046 Mrd. Euro durch Arbeitsunfälle, bei denen ein Beteiligter unter Alkoholeinfluss steht. Ein wesentlich größerer Verlustbetrag entsteht der Volkswirtschaft durch Produktivitätsverluste. Werden alle Faktoren berücksichtigt, die bei der Krankheitskostenrechnung üblicherweise herangezogen werden, so verursacht Alkohol jährlich Produktivitätsverluste in Höhe von 16,7 Mrd. Euro (siehe Grafik oben; Quelle: Adams & Effertz 2011).

Auch in den deutschen Berechnungen werden intangible Kosten nicht beziffert. Die Krankheitskostenberechnung sieht keine standardisierte Methode vor, Leid, Schmerz und verminderte Lebensqualität in finanziellen Beträgen zu bewerten. Allerdings bleiben einige Faktoren so unberücksichtigt, die die Betroffenen belasten, z.B. der Verlust an Lebensqualität in wirtschaftlich unproduktiven Jahren nach Erreichen des gesetzlichen Rentenalters. In anderen gesellschaftlichen Bereichen, wird durchaus ein Versuch unternommen, intangible Kosten zu beziffern. So kann ein durch eine Körperverletzung Geschädigter vor Gericht darauf hoffen, dass ihm Schmerzensgeld zugesprochen wird. D.h. sein erlittenes Leid wird mit einer Geldsumme beziffert und er kann diese als Entschädigung erhalten.

Soziale Kosten durch Tabakkonsum in Deutschland

- Insgesamt entstehen in Deutschland jährlich 33,55 Mrd. Euro tabakbezogene Kosten;

- Davon entfallen 24,9 Mrd. Euro auf indirekte Kosten (Produktivitätsverluste) und 8,65 Mrd. auf direkte Kosten;

(Quelle: Adams & Effertz 2011; vgl. oben)

Im zusammenhang mit Tabakkonsum sind es vor allem die indirekten Kosten, die in der Arbeitswelt bzw. der Volkswirtschaft spürbar werden. Unternehmen und private Haushalte sind durch Tabakkonsum noch stärker belastet als durch Alkoholkonsum. Direkte Kosten durch Arbeitsunfälle sind, im vergleich zum Alkohol, durch Tabak nicht einzurechnen.

Ebenso wie beim Alkohol, ist auch beim Tabak keine Berechnung der intangiblen Kosten erfolgt. Dadurch werden auch hier negative Auswirkungen, die durch eine Erkrankung entstehen, nicht erfasst.

Die Kosten des Rauchens für Gesundheitswesen und Volkswirtschaft in Deutschland
Deutsches Krebsforschungszentrum, Heidelberg

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Der Nutzen von Präventionsprogrammen

Um Mitarbeitern mit problematischem Suchtmittelkonsum Unterstützung und Hilfe anzubieten, habe vielen Unternehmen in Deutschland Maßnahmen betrieblicher Suchthilfe eingeführt. Zunehmend wenden sich Unternehmen auch der Vorbeugung von gesundheitlichen Problemen aufgrund von Suchtmittelkonsum zu. Im Rahmen betrieblicher Suchtprävention nutzen Unternehmen u.a. Aufklärungsmaterial, schulen Mitarbeiter und Führungskräfte und führen Aktionstage durch.

Ein positives Betriebsklima, gesundheitsbewusste Mitarbeiter, weniger Unfälle und Krankheiten sind Anreize für Unternehmen in Gesundheitsförderung zu investieren. Die Kosten stellen für einige Unternehmen zunächst eine Hürde dar. Untersuchungen belegen jedoch, dass auch aus einzelbetrieblicher Sicht ein wirtschaftlicher Nutzen aus Prävention erfolgt. Die Kosten, die durch die Einführung von Prävention allgemein und Suchtprävention entstehen, sind geringer als der wirtschaftliche Nutzen, den sie erbringen.

Kosten-Nutzen-Verhältnis von betrieblichen Suchtpräventionsprogrammen

- Die Einführung eines Suchtpräventionsprogrammes erfordert zunächst Investitionen.

- Die jährliche Fortführung des Programmes ist mit geringeren Kosten verbunden.

- 70% der befragten Unternehmen ziehen eine positive Kosten-Nutzen-Bilanz.

- Weitere 20% sehen eine ausgeglichene Kosten-Nutzen-Bilanz für Suchtpräventionsprogramme.

- Der Nutzen zeigt vor allem Reduktion von Alkoholproblemen, Reduktion von Fehlzeiten und Verbesserung des Arbeitsklimas.

In einer Studie in der Schweiz ermittelten die Autoren Telser, Hauck und Fischer (2010) die alkoholbedingten Kosten am Arbeitsplatz. Sie erhoben u.a. Daten zu den Kosten durch Absentismus, Unfälle und fehlerhafte Tätigkeiten. In der Datenerhebung mit 1300 Personalverantwortlichen erfragten die Autoren auch, ob in den jeweiligen Unternehmen Präventionsprogramme existieren, was diese in der Umsetzung kosten und welchen Nutzen sie erbringen. Die Ergebnisse hinsichtlich der alkoholbezogenen Kosten in Betrieben ähneln den Erkenntnissen aus internationalen Studien. So wird bestätigt, dass hohe Kosten hauptsächlich durch Produktivitätsverluste, Fehlzeiten und auch (aber in vergleichsweise geringeren Anteilen) durch Arbeitsunfälle verursacht werden.

Nur 14% der Unternehmen gaben an, ein Suchtpräventionsprogramm zu betreiben. Weitere 6% planten zum Zeitpunkt der Studie die Einführung eines solchen Programmes. Generell ließen sich in größeren Unternehmen häufiger Suchtpräventionsprogramme finden. Zudem sind Programme häufiger in Branchen anzufinden, in denen vermehrt Alkoholprobleme auftreten (Gastgewerbe, Baugewerbe). Die überwiegende Mehrheit der befragten Unternehmen zieht eine positive Kosten-Nutzen-Bilanz. Auf einer Skala von 1 (Kosten sind größer) bis 7 (Nutzen ist größer) bewerteten 139 Betriebe den Nutzen im Durchschnitt mit 5,5 (Median 6, d.h. mehr als die Hälfte geben einen Wert von 6 oder 7 an). Der Nutzen zeigt sich den Angaben zufolge vor allem durch die Reduktion von Alkoholproblemen, die Reduktion von Fehlzeiten und einer Verbesserung des Arbeitsklimas. (Telser, Hauck & Fischer 2010)

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Der einzelbetriebliche Nutzen

Ein 2010 initiiertes, internationales Forschungsprojekt der Internationalen Vereinigung für Soziale Sicherheit (IVSS), der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) und der Berufsgenossenschaft Energie Textil Elektro Medienerzeugnisse (BG ETEM) befasst sich mit den „Kosten und Nutzen von Präventionsmaßnahmen zu Sicherheit und Gesundheit am Arbeitsplatz für die Unternehmen“. Die zentrale Fragestellung befasst sich damit, ob sich betrieblicher Arbeits- und Gesundheitsschutz auch aus einzelbetrieblicher Sicht wirtschaftlich lohnt. Es handelt sich bei einer „Präventionsbilanzierung“ also um eine Kosten-Nutzen-Analyse. Die Autoren verwenden die Kennzahl „Return on Prevent“ (ROP), um das Verhältnis von Kosten zu Nutzen auszudrücken.

Der einzelbetriebliche Nutzen von Prävention am Arbeitsplatz

Unmittelbare Präventionswirkung
- Reduzierung der Gefährdungen
- Erhöhung des Gefährdungsbewusstseins
- Reduzierung der sicherheitswidrigen Verhaltensweisen und Arbeitsunfälle

Mittelbare Präventionswirkung
- Verbesserung des Image in der Öffentlichkeit
- Verbesserung der Unternehmenskultur

„Return on Prevent“ (ROP) im Verhältnis von 1 zu 2,2
- Je investiertem Euro können Unternehmen mit einem potenziellem ökonomischem Erfolg in Höhe von 2,20 € rechnen.

Befragt wurden Experten (d.h. in Präventionsfragen bereits erfahrene Betriebsratsmitglieder, Controller, Sicherheitsfachkräfte, Unternehmer) nach ihrer Einschätzung zu Kosten und Nutzen von Präventionsprogrammen in ihren Unternehmen. Datensätze aus 300 Unternehmen in15 Ländern lagen zur Auswertung vor. (IVSS 2011)

In der Studie wurde nicht nach Inhalten der Präventionsmaßnahmen unterschieden. Die Kosten-Nutzen-Rechnung von Alkoholprävention kann daher nicht getrennt von anderen arbeitsplatzbezogenen Präventionsmaßnahmen betrachtet werden. Es ist jedoch hervorzuheben, dass bei einer Aufschlüsselung in Einzelbereiche das Kosten-Nutzen-Verhältnis für „bestimmte präventionsbedingte Qualifizierungsmaßnahmen“ besonders positiv ausfällt. Maßnahmen zur Alkoholprävention wie Schulung von Mitarbeitern zu Risiken des Alkoholkonsums am Arbeitsplatz und Führungskräften zum Umgang mit riskant Konsumierenden sind diesem Maßnahmentypus zuzuordnen. 

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Zusammenfassung und Fazit

Die Studienergebnisse zeigen die Folgen sowohl in Ausmaß als auch in ihrer Vielfältigkeit und ihrem Schweregrad auf. Auch wenn sich nicht alle Studienergebnisse auf Deutschland übertragen lassen, sind sie als Hinweise von großem Wert. Die lückenhafte Datenlage in Deutschland im Vergleich zum internationalen Raum zeigt hier großen Bedarf  für weitere Forschung.

Auswirkungen von Alkoholkonsum auf die Arbeitswelt

- Es besteht ein Zusammenhang zwischen problematischem Alkoholkonsum und Absentismus.

- Durch Präsentismus erhöht sich die Unfallgefahr und die Produktivität wird verringert.

- Dritte werden durch Unfälle gefährdet und ihre Produktivität sinkt.

- Einige Berufsgruppen sind stärker belastet. Jedoch bleiben Fragen nach den Begründungszusammenhängen ungeklärt.

- Ungünstige Arbeitsbedingungen (Missverhältnis von Verausgabung und Belohnung) steht im Zusammenhang mit problematischem Alkoholkonsum.

- Produktivitätsverluste machen den größten Anteil der sozialen Kosten durch Alkohol aus.

- Prävention lohnt sich in mehrfacher Hinsicht! Einzelne Betriebe wie auch die Volkswirtschaft insgesamt und nicht zuletzt Beschäftigte ziehen einen Nutzen aus Suchtprävention am Arbeitsplatz.

Verschiedene Fehlzeitanalysen weisen auf Zusammenhänge von problematischem Alkoholkonsum und Absentismus hin. Die Zusammenhänge haben sich in sehr unterschiedlichen Studiendesigns gezeigt (Untersuchung von Trinkmustern und Fehlzeiten; Pro-Kopf-Konsum und Fehlzeiten; Auswertung von Daten von Krankenkassen). Sie zeigen, dass eine Reduzierung von problematischem Alkoholkonsum auch den Absentismus senkt.

Es bestehen Zweifel, ob der Anteil oder das Ausmaß von Präsentismus und Alkoholkonsum in einer Untersuchung realitätsnah abgebildet werden können. Im Rahmen des Möglichen zeigen Studienergebnisse jedoch, dass Präsentismus die Unfallgefahr erhöht und die Arbeitsleistung senkt.

Neben dem Risiko, durch einen Arbeitsunfall eines konsumierenden Kollegen verletzt zu werden, belastet das Trinkverhalten Dritter die eigene Arbeitsleistung. Die Minderleistung muss kompensiert werden muss oder die eigene Arbeitsqualität sinkt durch Fehler des Konsumierenden.

Ein Missverhältnis von Verausgabung und Belohnung am Arbeitsplatz kann zu Arbeitsstress führen und eine Gratifikationskrise auslösen. Darauf reagieren Menschen unterschiedlich, mitunter mit riskanten Verhaltensweisen. Studien belegen einen Zusammenhang von Arbeitsstress und der Wahrscheinlichkeit für riskanten Alkoholkonsum.

Alkoholkonsum verursacht hohe gesellschaftliche Kosten. Am stärksten betroffen davon ist die Arbeitswelt, denn die Kosten, die durch Produktivitätsverluste entstehen, machen den größten Teil der sozialen Kosten aus. Es lohnt sich für Unternehmen auch auf einzelbetrieblicher Ebene deshalb, Suchtpräventionsprogramme einzuführen. Untersuchungen bestätigen eine positive Kosten-Nutzen-Bilanz.

Suchtprävention am Arbeitsplatz ist aus individueller, gesamtgesellschaftlicher wie auch betrieblicher Sicht hilfreich und wirksam und damit unterstützungswert. Die Arbeitswelt stellt neben der Familie denjenigen Lebensbereich dar, der durch riskanten Alkoholkonsum und Abhängigkeit am stärksten betroffen ist.

Das Setting „Arbeitsplatz“ erfüllt alle Anforderungen für erfolgreiche Suchtprävention. Hier wird ein großer Teil der erwachsenen Bevölkerung in einem organisierten Umfeld erreicht. Am Arbeitsplatz bestehen durch die Unternehmensstrukturen zumeist etablierte Kommunikationswege. Unternehmen haben darüber hinaus ein Eigeninteresse an gesunden und leistungsfähigen Mitarbeitern und einem positiven Betriebsklima.

Riskanter Alkoholkonsum von Kindern und Jugendlichen ruft regelmäßig große Medienresonanz hervor. Es wird zuweilen vernachlässigt, dass der überwiegend größte Teil der riskant Konsumierenden und vor allem der Alkoholabhängigen erwachsene Personen im erwerbsfähigen Alter sind. Das gesellschaftliche Interesse, flächendeckende Suchtprävention am Arbeitsplatz zu etablieren, sollte dem-entsprechend auch durch politische und sozialrechtliche Institutionen gefördert werden.

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Literaturverzeichnis:

Factsheet

Alkohol am Arbeitsplatz

Hinweis zu geschlechtergerechten Formulierungen: Frauen und Männer sollen sich von unseren Veröffentlichungen gleichermaßen angesprochen fühlen. In Texten der DHS werden die weibliche und die männliche Sprachform verwendet. Zugunsten besserer Lesbarkeit kann abweichend nur eine Sprachform verwendet werden. Wir danken für Ihr Verständnis.